Wilde Phantasien in den nördlichen Rocky Mountains.
Seine Mutter war ein Braunbär, sein Vater war ein Braunbär, ebenso sein Bruder, und da wäre es schon eine mittlere Sensation gewesen, wenn aus ihm etwas anderes geworden wäre als eben ein Braunbär.
Er hieß Joe und hinter vorgehaltener Tatze nannten ihn die Bären der nördlichen Rocky Mountains “Joe den Unzufriedenen” .
Warum er unzufriedenen war, vermochte allerdings keiner zu sagen. Joe war ein Einzelgänger, der wenig mit anderen Bären außerhalb der Paarungszeit verkehrte. Es schien, als wäre er sich selbst genug, wenn er im Unterholz nach Gräsern und Ameisen suchte.
Aber wie saftig die Gräser auch sein mochten, wie köstlich die Ameisen, die er genüßlich von der Tatze schleckte, Joe blieb unzufrieden.
Er haderte mit seinem Schicksal denn eigentlich wollte er gar kein Bär sein. Es machte ihn nicht glücklich. Es füllte ihn nicht aus.
Nun ist das gar nicht so selten, wie es scheinen mag. Es gibt immer Bären, die eigentlich jemand anders sein wollten, ein Elch zum Beispiel oder ein Fischadler hoch droben in den Lüften.
Aber früher oder später legten sich diese Wünsche und die Bären fühlten sich wohl in ihrem zottigen Pelz. Und wenn sie erwachsen waren, wollten sie für gewöhnlich mit keinem anderen Lebewesen mehr tauschen.
Nur Joe war anders. Immer häufiger mied er das dichte Unterholz der Berge und trieb sich in der Nähe der großen Highways herum. Wehmühtig schaute er den großen Trucks hinterher, den Freightliners, Macks und Peterbilts. Und dann stellte er sich vor, wie es wohl sein mochte, dort oben auf der Zugmaschine, das große Lenkrad zwischen den Krallen und den Fuß auf dem Gaspedal.
Denn Joe wollte so gerne ein Truck-Driver sein.
Eines Abends schlich er auf einen Rastplatz, sprang auf einen Sattelauflieger und machte es sich dort gemütlich. Joe genoss den Geruch von Stahl und Gummi, von altem Holz und Farbe. Nichts auf der Welt roch so aufregend wie ein Truck.
Er muss dort länger geschlafen und geträumt haben, denn als er aufwachte, donnerte der Truck bereits mit über 50 Meilen über den nächtlichen Highway. Was für ein Gefühl! Diese Kraft und Geschwindigkeit! Das sonore Brummen der großen Diesemaschine erfüllte Joe von Kopf bis Fuss mit unbändiger Freude.
Übermütig setze er sich auf, hielt seinen Pelz in den Fahrtwind und schaute durch das kleine Fenster dem Fahrer über die Schulter. Er sah die Telegrafenmasten in atemberaubendem Tempo vorbei flitzen und das Licht der Scheinwerfer schien die Markierungsstreifen zu fressen. Das machte Spaß, das würde er nie vergessen.
Unvergesslich würde dieser Tag auch dem Fahrer des Gespanns bleiben. Als der schon etwas ermüdete Trucker routinemässig in den Rückspiegel schaute und das windzerzauste Bärengesicht sah, ließ ihn der Schreck auf der Stelle hellwach werden. Instinktiv trat er mit aller Kraft auf das große Pedal und die mächtige Westinghouse-Bremse brachte den leeren Truck fast auf der Stelle zum stehen.
Diese rapide Entschleunigung war zuviel für Joe. Von einer mächtigen Kraft wurde er in den Straßengraben geschleudert. Dort blieb er bewußtlos und mit einem üblen Schädeltrauma liegen.
Einige Stunden später fand ihn ein indianischer Medizinmann, weckte ihn mit einem Fläschchen Riechsalz und schleppte Joe zu seiner Hütte. In den nächsten Tagen kümmerte er sich um den verletzten Bär und bemühte sich, ihn gesund zu pflegen.
Tagsüber suchte der Medizinmann nach Kräutern und Nahrung, abends aßen er und Joe eine köstliche und üppige Mahlzeit und dann lagen sie vollgefressen am Lagerfeuer, tranken Whisky, den der Indianer in einem nahegelegenen Supermarkt gestohlen hatte, und erzählten einander ihr Leben.
Der Indianer, der sich Wall Street nannte, war früher Broker bei einer Investmentfirma in Manhattan gewesen. Aber er war dort nicht glücklich.
Er hatte ein beträchtliches Vermögen, eine luxuriöses Appartment am Central Park, Mitgliedskarten für die schrägsten Clubs in New York und kannte einen zuverlässigen Koks-Dealer. Aber sein Leben erfüllte ihn nicht. Eine nagende Sehnsucht machte ihn unglücklich. Denn seit seiner Jugend träumte er davon, ein indianischer Medizinmann sein.
Auf einer dieser öden Wochenendparties in New Jersey besprach er das Problem mit seinem Dealer. Der hörte ihm aufmerksam zu und für 15000 Dollar in bar gab er ihm einen Beutel mit 10 kleinen, gelben Pillen. Jede davon, so sagte der Drogenbote, reiche aus, um für 9 Jahre der zu sein, der man sein wollte. Wenn es sein musste, auch zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort.
Noch am selben Abend hatte Bill Schumacher – so hieß der Medzinmann früher - eine dieser kleinen Pillen eingeworfen und sich in Wall Street verwandelt. Er hatte sich am Lagerfeuer vor dieser Hütte wiedergefunden, anfangs noch etwas benommen. Aber am nächsten Morgen durchströmte ihn ein ungeahntes Glücksgefühl. Endlich war er das, was er immer sein wollte: ein richtiger und echter Medizinmann.
Joe, der Wall Street während der Erzählung aufmerksam zugehört hatte, wurde ganz aufgeregt. Verlegen schob er einen Blaubeerpfannkuchen nach dem nächsten ein. Dann nahm er einen großen Schluck aus der Whiskyflasche und fragte mit brüchiger Stimme: “Und was ist mit den anderen acht Pillen?”
Wall Street grinste, öffnete sein Hemd und holte einen kleinen, ledernen Medizinbeutel hervor, den er an einer Schnur um den Hals trug. Er öffnete den Beutel und ließ acht kleine, gelbe Pillen in seine Hand rollen.
Mit zitternden Händen nahm Joe, der Braunbär, einen großen Schluck aus der Flasche.
“Bitte”, flehte er, “bitte, gib mir eine von diesen Wunderpillen. Ich möchte so gerne ein Truck-Driver sein. Wenigstens für neun Jahre. Was dann kommt, ist mir egal.”
Wall Street, der schnell seine Lebenserwartung durch die Wirkungsdauer der Pillen dividierte, hatte ein Herz für Joe. Er füllte bedächtig sieben Pillen wieder in den Beutel zurück, verschloss diesen sorgfältig und reichte Joe feierlich das gelbe Wunderding.
Joe stiegen Tränen der Dankbarkeit in die Augen. Neun Jahre lang würden die Highways ihm gehören. Keine Ameisen und Gräser brauchte er mehr fressen. In den besten Drive Ins und Truck Stops würde er einkehren. Dicke Zigarren rauchen und Steaks mit Ei verzehren. Und Apfelpfannkuchen mit dickem Sirup zum Nachtisch.
Und nach einer Tasse starken Kaffee würde er in seinen Truck steigen, den großen Diesel anlassen, die Hupe dreimal betätigen und gemächlich und majestätisch auf den Highway rollen, bereit für weitere 500 Meilen.
Dankbar und herzlich umarmte er Wall Street. Dann schluckte er seine pillenfömige Fahrkarte in ein besseres Leben, spülte sie mit Whisky herunter und wartete.
Langsam verschwand das Bild vor seinen Augen, dann begann sich alles zu drehen, und schließlich fiel er in eine tiefe, dunkle Bewusstlosigkeit.
Als Joe erwachte, fand er sich in einem breiten Bett in einem modern eingerichteten Schlafzimmer wieder. Er wollte sich gerade aufsetzen, als eine große, weiße Frau in das Zimmer trat. Sie hatte Lockenwickler im Haar und ihre Silikonbrüste spannten das knappe Oberteil. Die Frau ging zum Fenster, zog die Vorhänge beiseite und sagte: “Beeil dich, Joe. Steh endlich auf. Die Praxis ist schon voller Patientinnen”.
Joe war irritiert. Als die Frau hinausgegangen war, stand er auf. Noch leicht benommen und eher automatisch zog er sich an. Das war doch mit Sicherheit keine Truckerkluft! Er hatte noch nie einen Fahrer mit Manschettenknöpfen gesehen.
In der Brusttasche seines teuer anmutenden Hemdes fand er schließlich ein paar Vistenkarten mit Prägedruck. Ihm dämmerte, dass irgendetwas furchtbar schiefgelaufen sein musste.
Auf der Vistenkarte stand:
Joe Newman
Gynecologist
Beverly Hills